NAKED CAME THE STRANGER (USA 1975)

 

1970 hatte der Journalist Mike McGrady eine lustige Idee: Er und 23 seiner Kollegen brachten ihre Gedanken über den heißesten Sex, den sie sich vorstellen konnten zu Papier und so entstanden viele prickelnde Kurzgeschichten, welche sie unter dem Pseudonym Penelope Ashe in dem Roman Naked Came The Stranger zusammenfassten der unerwartet zum Bestseller wurde. Radley Metzger (auch bekannt als Henry Paris) sicherte sich die Filmrechte und war damit der erste Pornoregisseur, der die offiziellen Rechte eines Bestsellerromans besaß. Wie sich zeigen sollte, fand er zu einem angemessenen Umgang mit der Romanvorlage.

Der Film handelt von Gillian und ihrem Ehemann Blake. Beide arbeiten als Moderatoren für eine Fernsehshow. Blakes Geliebte arbeitet auch dort und das macht es schwierig, das Verhältnis geheimzuhalten. Als Gillian von der Sache erfährt, beschließt die betrogene Ehefrau sich zu rächen und selbst fremdzugehen.

Keine ausgefeilte Story, aber eine die offenbar das Zeug zum Bestseller hat und die beste Voraussetzungen schafft für einen außerordentlich schönen Pornofilm von Meisterregisseur Radley Metzger. Er präsentiert uns anspruchsvolle Erotik mit viel Eleganz und Humor welcher mit entsprechenden Dialogen selbstironisch das eigene Genre und die Medienwelt generell auf die Schippe nimmt. Wie wir es von Metzger gewohnt sind, sind die Bilder, die er einfängt, wundervoll durchkomponiert und entwickeln einen ganz eigenen Charme. Das Spiel mit verschiedenen Stilmitteln versteht Metzger ausgezeichnet. Er leitet Sexszenen mit Stummfilmsequenzen ein, wechselt von farbenfroh auf schwarz/weiß oder agiert einfach unerhört gekonnt mit der Kamera.

Natürlich versuchen auch andere Regisseure ihre Schmuddelfilmchen mit stilistischen Tricks künstlerisch aufzuwerten, was in der Regel sehr bemüht wirkt und über Effekthascherei nicht hinauskommt. Metzger hingegen beherrscht die hohe Kunst aufregende Momente zu schaffen denen nichts Schmuddeliges anhaftet und denen dabei doch nichts pornografischer Deutlichkeit fehlt. Das Gleiche gilt für die Dialoge. Sie lassen an Schlüpfrigkeit nichts vermissen, doch sprühen zugleich vor Witz und Intelligenz und laufen nie Gefahr ins Primitive abzurutschen. Das Studium der Schauspielerei und Dramaturgie, welches Metzger absolvierte, und seine langjährige Erfahrung als Filmemacher tragen also wieder mal ganz bezaubernd-verbotene Früchte.

Den ganz großen Erfolg feierte Metzger erst mit dem Film The Opening of Misty Beethoven, der noch mehr auf Pop-Art-Motive setzt und der insgesamt etwas durchgeknallter und überdrehter ist als NAKED CAME THE STRANGER. Mit letzteren Film feierte Metzger jedoch seinen Durchbruch als großer Porno-Regisseur und auf Grund seiner etwas ruhigeren Stimmung, wird sogar manch ein Filmfreund NAKED dem quirligen BEETHOVEN-Film gegenüber vorziehen. Diese Wahl wäre kein Makel für die großartige Misty Beethoven, sondern eine verdiente Auszeichnung für dieses vergleichsweise unbekannte Meisterwerk der Pornografie.

 

 

Regie: Henry Paris (Radley Metzger)

Darsteller/Innen: Darby Lloyd Rains, Levi Richards, Mary Stuart, Alan Marlow, Christine Hutton, Helen Madigan, Kevin Andre, Ronda Fuller, Rita Davis, Steve Anthony, Alfie Holliday, Tom Dane, Dave Savage

Laufzeit: 72 Minuten

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