HARDCORE - The Films of Richard Kern (USA 1986-1993)

 

Mit einem brachialen Schrei eröffnet diese sehr interessante Zusammenstellung von 13 Kurzfilmen des New Yorker Undergroundfilmers Richard Kern. Ausgestoßen wird der Schrei von Sonic Youth, der besten Noise-Punk-Band der Welt. Richard Kern drehte zusammen mit der Band und Lydia Lunch dieses sehr blutige Video zu Death Valley´69, einem der härtesten Sonic Youth-Songs. Hardcore also gleich zu Anfang - experimentelle, rauhe und brutale Bilder, dazu ein wildes Soundgewitter. Und so geht es im Wesentlichen auch weiter. Nur dass neben Hardcore-Gewalt in den folgenden Filmen auch immer wieder Hardcore-Sex gezeigt wird. Die größtenteils in Schwarz-Weiß gedrehten Punk-Pornoclips heißen dann z.B. The Right Side Of My Brain, The Bitches oder Fingered. In ihnen lassen sich zumeist bewaffnete und nackte Damen und Herren zu tabulosen und häufig sehr grausamen Handlungen hinreißen.Immer wieder sehen wir neben Lydia Lunch weitere Punkgrößen wie Henry Rollins in kritischen, gewalttätig aufgeheizten Sexszenen voller Hoffnungslosigkeit und Tristes und das stets untermalt mit subtil aggressiver Musik.

Schaut man diese Collection am einen Stück, so ist es schwierig sich ihrer bizarren Wirkung zu entziehen und natürlich schwebt über all dem ein sehr ernstzunehmender Kunstanspruch, der zart besaitete Erotikfans zutiefst verstören dürfte. Und was einem hier vorgesetzt wird, ist ja teilweise auch nicht ohne: Da lässt sich eine Frau von einer Freundin die Vagina zunähen (The Sewing Circle), andere Szenen enden in blutigen Gewalt- bzw. Vergewaltigungsorgien, die es in dieser Form bislang noch nicht zu sehen gab (Fingered). Viele der gezeigten Filme spielen mit Thema SM, welchem jedoch in The Evil Cameraman und Submit To Me Now auf besondere Art und Weise nachgegangen wird. Im erstgenannten Film stehen zwei sehr sonderbare Fesselungen im Zentrum, im zweiten wird am Ende ein Mann an seinem Penis aufgehängt, es kommt zu Selbstgeißelung und Selbstverstümmelung. Doch nicht in allen Filmen geht es derart brutal zur Sache. The Bitches z.B. ist ein komplett unblutiger Pornoclip der u.a. sehr bizarren Lesbensex und eine ungewöhnliche Ejakulation zu bieten hat und Horoscope ist ein sehr erotisches und harmloses Märchenfilmchen für Frauen. Doch selbst diesen softeren Clips haftet noch der schwere Duft von Anarchie und Alptraum an.

Was uns hier entgegenschlägt, scheint die Wut und die sexuelle Energie der durchgeknallten Künstlerclique um Richard Kern herum zu sein. Die Frage jedoch, was uns diese Darbietungen im Detail sagen sollen, ist, wie bei jedem anderen Kunstwerk auch, sinnlos. Wichtig ist, dass sich beim Zuschauer trotz aller Zumutungen und Fragezeichen so etwas wie Kunstgenuss einstellt. Für viele Menschen ist der hier gezeigte Bruch mit Pornosehgewohnheiten bestimmt zuviel des Guten. Für andere wiederum handelt es sich hier vielleicht lediglich um eine sensationslüstige Provokation, die niemals Kunst sein kann. Doch für Personen, die nicht nur eine Schwäche für erotische Kunst, sondern auch eine für Punk, Einstürzende Neubauten und Joseph Boys haben, stellt sich der Kunstgenuss beim Betrachten der Filme ganz bestimmt ein. Für die Redaktion von pornoklassiker.de sind diese Filme des Richard Kern jedenfalls das Beste, was Pornopunk je hervorgebracht hat.

 

Regie: Richard Kern

Darsteller/Innen: Lydia Lunch, Henry Rollins, J.G. Thirlwell, Karen Finley, u.a.

Laufzeit: 180 Minuten

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