TABOO I (USA 1980) & TABOO II (USA 1982)



Schon der Titel kündigt eine Kontroverse an, die der Film auch mühelos einzulösen versteht. Zwar gab es im amerikanischen Pornofilm schon haufenweise nachgestellten Inzest zu sehen, doch stets in einem rüden Kontext. So war es vor Taboo meist ein Vergewaltigungs-Szenario, Redneck-Sujet oder ein Sicko-Schockmittel. Regisseur Kirdy Stevens geht aber wesentlich weiter und inszeniert den (natürlich auch hier nur vorgegebenen) Inzest als sinnlichen und lustvollen Akt mit beiderseitigem Einverständnis. Bis sich Mutter und Sohn am Ende aber der Lust hingeben und aufhören, ihre Gefühle zu bekämpfen, lässt sich der Film viel Zeit um erotische Spannung zwischen den beiden Hauptfiguren aufzubauen und so gerät der eigentliche Tabubruch umso glaubwürdiger. Gerade weil sich beide Parteien über die Unmoral bewusst sind, mit sich hadern und auch gesellschaftliche Restriktionen fürchten, wirkt dieser sleazige Klassiker wesentlich stärker und nachhaltiger als ein beliebiger Inzest-Schinken, mit dem einfach ganz lapidar jeder mit jedem schläft. Kirdy Stevens glückt in Taboo der am meisten ökonomische Tabubruch der Pornogeschichte - zwei eigentlich gewöhnliche Hetero-Szenen erhitzen die Gemüter, projizieren einen absurden ödipalen Wunschtraum auf die Leinwand und lösten einen handfesten Skandal aus. Übrigens bleibt es in diesem ersten Teil einer schier endlosen Reihe (von denen die ersten vier Fortsetzungen und Teil 7 noch von Kirdy Stevens stammen) der Sex zwischen Mike Ranger und Kay Parker der einzige "Inzest" - nachdem der Film bis dahin Geduld beweist, folgt das zweite inzestuöse Schäferstündchen nur kurz nach dem ersten und macht dramaturgisch nur wenig Sinn.

Wer den letzten Satz belächeln mag weil es sich um einen Pornofilm handelt, sollte berücksichtigen, das man es hier durchaus mit Spielfilmqualität zu tun hat. Wer ein Herz für Exploitation und Bahnhofskino-Filme hat, der sollte sich diesen schmutzigen kleinen Kultfilm keinesfalls entgehen lassen. Drehbuchautorin Helene Terrie (welche die Taboo-Reihe noch bis zum sechsten Teil begleiten sollte und auch anderweitig mit Regisseur Stevens zusammenarbeitete) gelang ein stringentes Skript mit überschaubarer Personen- und Schauplatz-Anzahl und konzentriert sich sichtbar auf eine glaubwürdige (oder zumindest vorstellbare) Psychologisierung der Figuren. Sowohl Mutter als auch Sohn werden sinnvoll in ihr privates Leben eingebettet, ohne den Fokus ausschließlich auf korpulierende Körper zu setzen. Kurzweilig und straff erzählt, lässt der Film sein Thema lange in der Luft schweben - bezeichnend, das die Inzest-Sequenzen äußerst warm ausgeleuchtet sind und einen sehr soften, fast romantischen Charakter besitzen.

Taboo profitiert natürlich ungemein von der starken Hauptdarstellerin Kay Parker, die nicht nur aufgrund ihrer üppigen Erscheinung eine Idealbesetzung ist. Ihr reifer Charme und der liebevoll-zärtliche Umgang mit ihrem Filmsohn verleiht ihr eine perverse mütterliche Erscheinung, was von der berüchtigt-großen Oberweite des Genre-Stars noch unterstrichen wird. So geriet ihr Part in Taboo zur Rolle des Lebens für Kay Parker, die sogar ihre Autobiografie nach ihrem bekanntesten Film benannte. Parker war für ihr bemerkenswertes schauspielerisches Talent bekannt und damit in der Pornobranche neben Marilyn Chambers ein Unikum. Unter dem bewusst ernst gehaltenen Grundton des Films scheint aber deutlich erkennbar eine schelmische Ironie heraus, die subtil daran erinnert, das man das Ganze bloß nicht zu ernst nehmen sollte... Nachdem der erste Teil einen ausgewachsenen Skandal in den Vereinigten Staaten auslöste (der erst übertroffen wurde durch die Enthüllung von Traci Lords' Minderjährigkeit) und für mehrere Jahre im Gespräch war, musste ein Nachfolger her. Zwei Jahre hat es gedauert bis Stevens und Terrie ihren großen Erfolg fortsetzten, doch der zweite Teil hatte nur noch wenig mit dem Original gemein. Schon in der Eingangssequenz wird klar, das eine völlig andere Herangehensweise präsentiert wird als im fast schon seriösen Vorgänger, der fast ausschließlich "normale" Hardcore-Szenen beinhaltete und viel Zeit für Dialoge und Erzählung einer Geschichte übrig hatte.

Taboo II ist im Prinzip eine anarchische Parodie, nimmt das Thema keinesfalls ernst sondern zieht unbeirrt wie augenzwinkernd eine völlig abstruse Personenkonstellation auf, um alle erdenklichen inzestuösen Kombinationen zu bieten. Hier treiben es Bruder und Schwester, Vater und Tochter, Mutter und Sohn - alles lose verbunden zum Vorgänger, denn es spielt sich in einem Nachbarort ab. Das Gerücht um den Tabubruch zwischen Mutter und Sohn erreicht eine Familie, die plötzlich ganz ungeahnte Vorlieben entwickelt. Was sich dämlich und uninspiriert anhören mag, wird von Kirdy Stevens gekonnt aufbereitet, heiter und jederzeit schwer unterhaltsam. Hatte der ersten Teil einen neuen Trend losgetreten, so lotet dieser zweite Teil eben diese neuen Möglichkeiten aus und wendet das obligatorische Überbietungs-Konzept an. Im Gegensatz zum Original geht es hier fast nur um interfamiliären Sex, der nun völlig auf einen glaubwürdigen Unterbau verzichtet. Zwar weist auch Taboo II noch echte Spielfilmhandlung mit überlegter Dramaturgie-Führung auf, funktioniert aber eben als Komödie und Gegenentwurf zum Vorgänger. Besonders deutlich äußert sich dieser signifikante Stimmungswechsel in der Dialogführung, die hier eindeutig komödiantischer Natur ist und ihr Trash-Potential kalkuliert ausspielt ohne an dreckigem Charme zu verlieren.

Beide Filme glänzen auch durch tollen Musikeinsatz und verfügen jeweils über einen originellen Titelsong. Extrem hoher Kultfaktor und vier von fünf Schwänzen nach oben.

Marco Siedelmann

Regie: Kirdy Stevens

Darsteller/Innen: Kay Parker, Mike Ranger, Dorothy Le May, Juliet Anderson, u.a.













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